Wenn Projektionen Analyse ersetzen! Reza Pahlavi und ein irritierender Auftritt bei den ARD-Tagesthemen
Die Berichterstattung der ARD-Tagesthemen vom 23. Januar 2026 über den Aufstand im Iran und die prominente, weitgehend unkritische Präsentation Reza Pahlavis, des Sohnes des letzten iranischen Monarchen, wirft grundlegende Fragen an das journalistische Selbstverständnis öffentlich-rechtlicher Nachrichtenformate auf. Was als Einordnung eines revolutionären Moments angekündigt war, geriet zu einer politischen Projektion: zur medialen Aufwertung einer Exilfigur, deren demokratische Legitimation ebenso ungeklärt ist wie die Tragfähigkeit ihres politischen Programms.
In revolutionären Momenten wächst der mediale Druck, Gesichter zu liefern. Bewegungen sind schwer erzählbar, Gesellschaften widersprüchlich, Forderungen vielstimmig. Einzelpersonen hingegen passen in Sendeformate. Dass diese Logik gefährlich sein kann, hat die jüngere Geschichte mehrfach gezeigt. Der Irak ist eines der bekanntesten Beispiele: Auch dort wurde mit Ahmad Dschalabi eine Exilfigur aufgebaut, die Anschlussfähigkeit versprach, Ordnung suggerierte und am Ende Teil einer politischen Katastrophe wurde. Der Iran sollte nicht auf ähnliche Weise medial vereinfacht werden.
Der gegenwärtige Aufstand im Iran richtet sich nicht gegen ein einzelnes Regime, sondern gegen ein System politischer Bevormundung.
Er wendet sich gegen die religiöse Diktatur der Islamischen Republik ebenso wie gegen die autoritäre Vergangenheit der Monarchie. Seit Jahren bringen Demonstrierende diesen Anspruch unmissverständlich zum Ausdruck:
„Nein zur Diktatur – weder Schah noch Mullah.“ Wer diesen Ruf ernst nimmt, kann ihn nicht ignorieren, wenn über mögliche politische Zukunftsentwürfe gesprochen wird.
Gerade deshalb wirkt die Darstellung Reza Pahlavis als zentrale Referenzfigur irritierend. Sie suggeriert Repräsentation, wo gesellschaftliche Distanz besteht, und Führungsanspruch, wo demokratische Legitimation fehlt. Warum diese Inszenierung nicht nur journalistisch fragwürdig, sondern gesellschaftlich problematisch ist, zeigt sich bei genauerer Betrachtung.
Die ungelöste Geschichte der Monarchie
Eine demokratische Erneuerung lebt von der Fähigkeit zur kritischen Aufarbeitung. Reza Pahlavi hat sich bis heute nicht eindeutig von den zentralen Verbrechen der Monarchie distanziert. Die systematische Folter durch die Geheimpolizei SAVAK, die flächendeckende Repression unter seinem Vater – all dies wird relativiert oder ausgespart. Dabei handelte es sich nicht um historische Randerscheinungen, sondern um tragende Säulen eines autoritären Systems.
Besonders sensibel bleibt der Umgang mit dem Sturz von Premierminister Mohammad Mossadegh im Jahr 1953. Der von CIA und MI6 organisierte Putsch beendete Irans erste demokratisch gewählte Regierung und führte das Land in eine jahrzehntelange Diktatur. Während westliche Geheimdienste ihre Rolle inzwischen offen eingeräumt haben, fehlt von Reza Pahlavi bis heute eine klare Anerkennung der monarchischen Verantwortung. Für viele Iraner ist dies keine akademische Frage, sondern Teil eines kollektiven Traumas.
Hinzu kommen Forderungen nach einem rechtsstaatlichen Verfahren gegen Reza Pahlavi wegen mutmaßlich veruntreuter Milliardenbeträge aus staatlichem Vermögen. Unabhängig vom juristischen Ausgang spiegeln diese Forderungen ein tiefes gesellschaftliches Misstrauen wider. Sie zeigen, wie präsent die Erinnerung an Machtkonzentration und Privilegienherrschaft geblieben ist. Dass die Tagesthemen all diese Aspekte ausblendeten, lässt eine entscheidende Leerstelle zurück.
Herkunft als politisches Argument
Reza Pahlavi tritt nicht als neutraler Bürger auf, sondern als Erbe einer Dynastie. Der Titel „Prinz“ ist Teil seines politischen Selbstverständnisses. Doch Demokratie gründet nicht auf Abstammung, sondern auf Gleichheit und Rechenschaft. Für viele Iraner ist genau diese Unterscheidung zentral: Sie wollen nicht die Rückkehr alter Hierarchien, sondern den Bruch mit ihnen.
Der Widerspruch wird umso deutlicher, wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft. Bereits 1980 erklärte sich Reza Pahlavi selbst zum König; später benannte er eine seiner Töchter als Nachfolgerin. Diese Episode steht in auffälligem Kontrast zu seiner heutigen Berufung auf demokratische Verfahren. Demokratie jedoch ist kein taktisches Versprechen, sondern eine Haltung. Dass dieser Bruch in der Berichterstattung keine Rolle spielte, verstärkt den Eindruck einer selektiven Darstellung.
Machtkonzentration statt Übergang
Auch die politischen Konzepte aus dem Umfeld Reza Pahlavis lassen Zweifel an einem demokratischen Übergang aufkommen. Vorgesehen ist eine starke Konzentration von Macht in einer Person, verbunden mit exekutiven, judikativen und faktisch legislativen Funktionen – ohne klar definierte Kontrollmechanismen. In einem Land, das Jahrzehnte autoritärer Herrschaft hinter sich hat, wirkt ein solches Modell weniger wie ein Neuanfang als wie eine Wiederholung alter Muster.
Inszenierte Popularität und reale Einschüchterung
Die mediale Präsenz Reza Pahlavis speist sich vor allem aus professionellen PR-Kampagnen, digitalen Netzwerken und gezielter Inszenierung. Eine breite gesellschaftliche Verankerung im Iran selbst ist kaum nachweisbar. Gleichzeitig gibt es seit Jahren Berichte über Einschüchterung und Gewalt gegen andere oppositionelle Gruppen, auch in Europa. Betroffen sind vor allem jene, die für eine republikanische, demokratische Zukunft eintreten.
Seit Jahren ist dokumentiert, dass sogenannte „Prügelperser“ im Umfeld monarchistischer Gruppen auch in europäischen Städten – darunter in Deutschland – systematisch andere iranische Oppositionelle angreifen, insbesondere jene, die sich nicht bereit erklären, „seine Majestät hochleben zu lassen“. Diese Übergriffe richten sich gegen Menschen, die für eine republikanische und demokratische Zukunft Irans eintreten, und dienen der Einschüchterung, Marginalisierung sowie der politischen Ausschaltung konkurrierender Stimmen.
Diese Vorfälle sind den Sicherheitsbehörden bekannt. Sie gehören zur Realität inneriranischer Exilkonflikte. Dass sie in der Berichterstattung keinerlei Erwähnung fanden, trägt zur Verklärung eines politischen Umfelds bei, in dem autoritäre Praktiken offenbar toleriert werden.
Krieg als Option?
Besonders beunruhigend ist die Selbstverständlichkeit, mit der Aussagen über militärische Interventionen aus dem Ausland präsentiert wurden. In einem Land mit der Geschichte Irans bedeutet eine solche Perspektive nicht Befreiung, sondern das Risiko massiver Zerstörung. Der Irak steht als Mahnung im Raum. Dort folgte auf den Sturz einer Diktatur kein demokratischer Aufbruch, sondern Jahre von Gewalt, Instabilität und Leid.
Die vergessenen Ränder der Gesellschaft
Für viele ethnische Gruppen im Iran – Kurd:innen, Belutsch:innen, Araber:innen – ist der Name Pahlavi eng mit militärischer Gewalt und Zwangsassimilation verbunden. Ihre Erfahrungen prägen bis heute das Verhältnis zum Staat. Eine mediale Aufwertung dieser Figur wirkt daher nicht verbindend, sondern entfremdend. Sie erschwert den Zusammenschluss jener gesellschaftlichen Kräfte, die für einen demokratischen Wandel notwendig wären.
Die Tagesthemen haben mit ihrer Darstellung weniger zur Aufklärung beigetragen als zur politischen Vereinfachung. Sie haben eine vielstimmige Gesellschaft auf eine einzelne Figur reduziert – und damit ein bekanntes westliches Deutungsmuster reproduziert.
Gerade in Zeiten des Umbruchs trägt Journalismus besondere Verantwortung. Er muss Widersprüche sichtbar machen, historische Lasten benennen und gesellschaftliche Vielfalt ernst nehmen. Wo er stattdessen Projektionen bedient, riskiert er, Teil des Problems zu werden.
Die Geschichte des Irak zeigt, wohin solche Vereinfachungen führen können. Für den Iran steht zu viel auf dem Spiel, um ihn erneut durch die Linse westlicher Sehnsüchte nach Ordnung und Übersicht zu betrachten.
Hossein Yaghobi
Publizist und politischer Aktivist
Leonberg, 24.Januar 2026

24. Januar 2026 @ 15:23
Mein besonderer Dank gilt dem Verfasser der fundierten Analyse zur einseitigen, unwahre, parteiergreifischen Berichterstattung der ARD.