Der Iran ist kein Geschäftsmodell!
OFFENES PROTESTSTATEMENT
Ein offener Brief an die Veranstalter, politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit
zur Veranstaltung „Free Iran and the European Union: Economic Opportunities and Strategic Cooperation“ am 3. September 2026 in Düsseldorf
Es ist ein historischer Affront und eine politische Heuchelei, dass ausgerechnet europäische Akteure heute unter dem Banner eines „Free Iran“ über „Economic Opportunities and Strategic Cooperation“ sprechen wollen – und dabei Reza Pahlavi, den Sohn des gestürzten Schahs, als Gesprächspartner präsentieren.
Was hat ein freier Iran mit dem Erben einer gestürzten Diktatur zu tun?
Was hat Demokratie mit einem Mann zu tun, der sich bis heute nicht überzeugend und eindeutig von der autoritären Herrschaft seines Vaters distanziert hat und stattdessen immer wieder seine Verbundenheit mit dem Erbe seines Vaters und Großvaters betont?
Und vor allem: Was hat der Westen ausgerechnet heute wieder im Iran zu suchen, wenn er erneut vor allem über wirtschaftliche Chancen und strategische Kooperationen spricht?
Die Geschichte Irans liefert auf diese Fragen eine bittere Antwort.
Vor 73 Jahren wurde die demokratisch legitimierte Regierung von Dr. Mohammad Mossadegh gestürzt. Mossadegh hatte es gewagt, etwas zu fordern, was für die westlichen Mächte offenbar nicht hinnehmbar war: dass die Reichtümer Irans dem iranischen Volk zugutekommen sollten. Die Kontrolle über das iranische Öl sollte nicht länger in erster Linie ausländischen Interessen dienen.
Die Antwort war nicht Respekt vor der Demokratie. Die Antwort war Intervention.
Die demokratische Regierung Mossadeghs wurde gestürzt. Der Schah wurde wieder an die Macht gebracht. Und Iran lernte eine Lektion, die bis heute nicht vergessen ist: Wenn die wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen mächtiger Staaten auf dem Spiel stehen, kann die vielbeschworene Demokratie plötzlich erstaunlich schnell an Bedeutung verlieren.
Und heute?
Heute kämpft das iranische Volk erneut für Freiheit.
Menschen werden verfolgt, eingesperrt und hingerichtet. Familien verlieren ihre Angehörigen. Demonstrierende riskieren ihr Leben. Politische Gefangene sitzen in Gefängnissen, während ein brutales Regime versucht, jede Stimme des Widerstands zu ersticken.
Und während das iranische Volk diesen hohen Preis für Freiheit zahlt, scheinen manche westlichen Akteure bereits wieder eine andere Frage zu beschäftigen:
Wo liegen die „Economic Opportunities“?
Welche Märkte werden sich öffnen?
Welche Ressourcen werden verfügbar sein?
Wer wird von einem politischen Umbruch profitieren?
Und wer soll dabei am Verhandlungstisch sitzen?
Reza Pahlavi.
Ausgerechnet der Sohn des letzten Schahs.
Ausgerechnet der politische Erbe einer Dynastie, deren Rückkehr an die Macht für viele Iranerinnen und Iraner keine Befreiung, sondern die Wiederkehr einer überwunden geglaubten Vergangenheit bedeuten würde.
Das ist der eigentliche Skandal dieser Veranstaltung:
Während Iranerinnen und Iraner für Freiheit kämpfen, scheinen andere bereits darüber nachzudenken, wie man die Zukunft ihres Landes wirtschaftlich und strategisch verwerten kann.
Wieder wird über den Iran gesprochen.
Wieder wird über die Zukunft des Iran verhandelt.
Wieder werden wirtschaftliche Chancen definiert.
Und wieder sitzen Vertreter westlicher Interessen gemeinsam mit einem Pahlavi am Tisch.
Hat der Westen aus der Geschichte nichts gelernt – oder hat er einfach nichts vergessen?
Der Westen hat Mossadegh nicht unterstützt, als er wollte, dass der Reichtum seines Landes dem iranischen Volk zugutekommt. Die demokratische Selbstbestimmung Irans wurde geopfert, weil sie mächtigen wirtschaftlichen und strategischen Interessen im Weg stand.
Und nun, inmitten eines historischen Freiheitskampfes, treten westliche Akteure erneut auf und sprechen von „Economic Opportunities“.
Welch bittere Ironie!
Erst wurde die demokratische Selbstbestimmung Irans mit Füßen getreten, als es um die Kontrolle über das iranische Öl ging.
Und heute wollen dieselben politischen Räume, die sich gerne als Verteidiger von Freiheit und Demokratie darstellen, offenbar schon wieder über die wirtschaftlichen Chancen eines zukünftigen Iran sprechen.
Das iranische Volk hat ein langes Gedächtnis.
Es hat Mossadegh nicht vergessen.
Es hat den Putsch von 1953 nicht vergessen.
Es hat die ausländische Einmischung nicht vergessen.
Und es wird nicht vergessen, wer heute versucht, den Freiheitskampf der Menschen im Iran mit den eigenen wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen zu verbinden.
Wir sagen deshalb unmissverständlich:
Der Freiheitskampf des iranischen Volkes ist keine Investitionsmöglichkeit!
Die Zukunft Irans ist kein Geschäftsplan!
Die Bodenschätze und Reichtümer Irans sind kein Preis, der nach einem politischen Umbruch zwischen westlichen Konzernen, politischen Netzwerken und selbsternannten Vertretern des iranischen Volkes verteilt werden darf!
Und Reza Pahlavi ist nicht die Antwort auf die Mullah-Diktatur.
Das iranische Volk hat nicht Jahrzehnte gegen Unterdrückung gekämpft, um am Ende zwischen einer theokratischen Diktatur und der politischen Wiederbelebung einer autoritären Monarchie wählen zu müssen.
Wir lehnen die Diktatur der Mullahs ab.
Aber wir akzeptieren ebenso wenig eine romantisierte Verklärung der Pahlavi-Dynastie.
Wir wollen keine Rückkehr in die Vergangenheit.
Wir wollen keine neue Abhängigkeit.
Wir wollen keine politische Zukunft, die in europäischen Konferenzsälen zwischen wirtschaftlichen Interessen und geopolitischen Strategien vorbereitet wird.
Der Iran braucht keine neuen Vormünder.
Nicht aus Teheran.
Nicht aus Washington.
Nicht aus London.
Nicht aus Brüssel.
Und auch nicht aus den Reihen einer Dynastie, die das iranische Volk selbst aus der Geschichte vertrieben hat.
Die Zukunft Irans gehört ausschließlich den Menschen im Iran.
Nicht den Mullahs.
Nicht den Monarchisten.
Nicht den ausländischen Mächten.
Und nicht denjenigen, die bereits heute ihre „Economic Opportunities“ wittern, während Iranerinnen und Iraner für Freiheit sterben.
Der Iran ist kein Ölgeschäft.
Der Iran ist kein geopolitisches Projekt.
Der Iran ist keine Beute.
Der Iran gehört seinem Volk.
Und wer wirklich an der Seite des iranischen Volkes steht, sollte zuerst dessen Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung verteidigen – statt bereits darüber nachzudenken, wer morgen an den Reichtümern des Landes verdienen wird.
Freiheit für den Iran – aber durch und für das iranische Volk!
Keine Geschäfte mit der Zukunft eines Volkes, das noch immer für seine Freiheit kämpft!
Mossadegh wurde gestürzt. Die Erinnerung daran bleibt.
Der Iran gehört den Iranerinnen und Iranern – nicht den Mullahs, nicht den Pahlavis und nicht den wirtschaftlichen Interessen ausländischer Mächte!
Hossein Yaghobi
Politischer Aktivist
Stuttgart, 02.September 2026
